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Jasmin Neubauer Social Media als Missionsort

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Jasmin Neubauer ist die bekannteste Christfluencerin - mit problematischen Ansichten und Kooperationspartnern. (Quelle: YouTube Liebe zur Bibel)

Sanftes Licht, viel Pampas-Gras, Vision-Board und Milchkaffee: Die gesamte Inszenierung der christlichen Influencerin, Christfluencerin, Jasmin Neubauer ist in den verschiedensten Beigetönen gehalten. Selbst ihr Wohnzimmer ist eine einzige beige Farbpalette, es ist eine typische Clean-Girl-Influencerin-Inszenierung.

Neubauer ist die wohl bekannteste christliche Influencerin des deutschen Sprachraums. Auf YouTube folgen ihr unter dem Namen „Liebe zur Bibel“ knapp 51.000, auf Instagram knapp 78.000 Menschen. Sie trägt stets helle Kleidung und ist immer akkurat geschminkt. In ihren Posts, Videos, Vlogs und Storys gibt sie sich nahbar, wie eine gute Freundin. 

Eine typische Influencer-Ästhetik (Quelle: Instagram, Liebe zur Bibel)
Eine typische Influencer-Ästhetik (Quelle: Instagram, Liebe zur Bibel)

Ihre Kindheit sei von einem liberalen Islam geprägt gewesen, erzählt Neubauer in einem Video. Ihr Vater sei evangelisch getauft, ihre Mutter war Muslimin, die im Iran geboren wurde. Schließlich konvertierte die Mutter zum Christentum, und dann auch Jasmin.

Die evangelikale Christin veröffentlicht Videos unter Titeln wie „Christ trifft Homosexuellen“ oder „Christ trifft Drag Queen“, als könnten Homosexuelle und Drag Queens nicht gleichzeitig auch Christ*innen sein. Ihr Auftrag? Missionierung: Die Menschen vom Christentum und Jesus zu überzeugen. 

Neubauers YoUTube-Kanal (Quelle: YouTube, Liebe zur Bibel)
Neubauers YoUTube-Kanal (Quelle: YouTube, Liebe zur Bibel)

Wer sind die Evangelikalen?

„Evangelikal“ ist nicht gleichbedeutend mit „evangelisch“. Der Begriff bezeichnet keine eigene Konfession wie evangelisch oder katholisch, sondern vielmehr eine bestimmte Glaubenshaltung oder Frömmigkeitsrichtung innerhalb des Protestantismus. Viele Evangelikale gehören Freikirchen an, jedoch ist der Evangelikalismus selbst keine eigenständige Freikirche. Im Vergleich zu katholischen und evangelischen Gemeinden sind die Freikirchen recht klein. Während es in Deutschland etwa 20 Millionen Katholik*innen und etwa 18 Millionen Evangelen gibt, zähen die Freikirchen insgesamt nur etwa 300.000 Menschen. 

Freikirchen haben oft emotional ansprechende Gottesdienste, manchmal mit Popmusik und Bands. Während jährlich Hunderttausende aus Kirchen austreten, verzeichnen evangelikale Gruppen steigende Mitgliederzahlen. Sie geben sich häufig modern. Hier gibt es oft simple Kategorien: Gut und Böse, Gott und Teufel, Schwarz und Weiß.

Neubauer ordnet sich selber keiner bestimmten christlichen Kirche zu. „Ich folge nur Jesus“, begründet sie das. Im Schwarzwald, in den sie kürzlich übersiedelte, besuche sie laut einem religiösen Magazin eine Baptistengemeinde. 

Die Bibel wird wörtlich ausgelegt

Die Evangelikalen der Freikirchen legen die Bibel meist wörtlich aus. Die in Deutschland weitgehend anerkannte Lehrmeinung besagt allerdings, dass die Bibel historisch-kritisch gelesen werden sollte. Das bedeutet, dass ihre Aussagen im historischen Kontext ihrer Entstehung betrachtet werden müssen und nicht unverändert auf die heutige Zeit übertragbar sind. „Ich glaube daran, dass die Bibel das von Gott inspirierte Wort Gottes ist“, sagt jedoch Neubauer. Auch sie nimmt den Inhalt der Bibel wörtlich. Mittlerweile verkauft sie sogar ihre eigene Bibel, „mit breitem Schreibband“.

Neubauers Online-Shop verkauft außerdem „Bibelregister in warmen Erdfarben mit Goldprägung“, eigene Studien unter Titeln wie „Alles für den Herrn“ und „Wo bleibt eigentlich dein Ehemann?“ und eine Menge christlicher Kinderbücher, wie etwa „Jesus und Gender“. Dieses Buch habe sie veröffentlicht, weil die „Transgender Ideologie […] anfängt die Gedanken und Anschauungen unserer Kinder zu pervertieren“ schreibt Neubauer und schlägt damit voll in die Kerbe des rechtsextremen Narratives, dass die Akzeptanz queeren Lebens die Gesellschaft gefährde. Ein Trend, den sich rechtsextreme Aktivist*innen aus den USA abgeschaut haben. 

Der Großteil ihrer Social-Media-Beiträge dreht sich um die Themen Liebe und Familie – von Dating und Sex über Ehe bis hin zu den gesellschaftlichen Rollen von Frauen und Männern. Sie greift Fragen auf, die früher oder später viele junge Menschen, besonders Frauen beschäftigen. Zu jedem dieser Aspekte bezieht sie eine klare und unmissverständliche Position. So lautet ein Post von Neubauer beispielsweise: „Warum Sex vor der Ehe dich zerstört.“ Sie selber möchte sich einem Mann unterordnen, „weil er sich in der Bibel auskennt“. Neubauer selbst reist übrigens ständig, um in Gemeinden Vorträge und Predigten zu halten, Interviews zu geben und an Podiumsdiskussionen teilzunehmen. 

Quelle: Instagram Liebe zur Bibel
Quelle: Instagram Liebe zur Bibel

Bürokratischer Gottesstaat

Die Aktivistin malt indirekt, indem sie ein entsprechendes Video gepostet, das Bild einer vermeintlichen Christen-Verfolgung in Deutschland, betrieben von Befürworter*innen von Abtreibungen und Diversität – das ist natürlich absurd. Die Erzählung greift ein gängiges Narrativ amerikanischer Evangelikalen auf, die einen vermeintlichen Endkampf zwischen Gut (Trump) und Böse (alles vermeintlich „woke“) beschwören.

Radikalisierte Evangelikale sind ein globales Phänomen, jedoch sehr stark in den USA verankert. Diese weltweit umtriebige Bewegung mobilisiert hauptsächlich mit den Themen Abtreibung, Anti-Gender und Anti-Wokeness. In den USA lässt sich gut beobachten, dass das Ziel dieser Bewegung weit über den Glauben hinausgeht, hin zu einem bürokratisch agierenden christlichen Gottesstaat. Von Gläubigen wird diese Vision des Evangeliums auch nach Europa getragen.  

Die Nähe zu rechtsextremen Parteien

In einer scheinbar immer komplexer werdenden Welt geben Evangelikale wie Neubauer einfache Antworten. In der Selbstbeschreibung eines Podcasts, den Neubauer gemeinsam mit der nicht minder radikalen und ebenfalls followerstarken Christfluencerin Jana Highholder macht, heißt es: Sie „navigieren durch die Komplexität unserer Zeit mit der Überzeugung, dass es zwar tausend Antworten geben mag, aber durch die Perspektive des Glaubens letztendlich nur eine wahre Lösung existiert“.

Religiöse Fundamentalist*innen legen einen starken Fokus auf das Thema Familie und Geschlecht. So entsteht eine ideologische Nähe zu rechtsextremen und nationalistischen Aktivist*innen und Parteien, wie etwa zur AfD. „Dass diese Parteien auch Dinge propagierten, die nicht unbedingt dem eigenen Glauben entsprächen, würden sie dabei in Kauf nehmen“, sagt Gert Pickel, Professor für Religions- und Kirchensoziologie am Institut für Praktische Theologie an der Universität Leipzig, gegenüber dem Sonntagsblatt. Hauptsache, jemand setze ihre Vorstellungen in Bezug auf traditionelle Familien- und Geschlechterbilder um.

Kurz vor der Bundestagswahl postete Neubauer ein Video mit AfD-Chefin Alice Weidel, in dem sich die Politikerin bereit erklärt, mit der Aktivistineinen Podcast aufzunehmen. Neubauer schrieb zu dem Video folgenden Text auf Instagram: „Unabhängig davon, ob links, rechts, grün oder mitte … ob Gutmensch oder Bösmensch – wir sollten doch mit jeder Person sprechen und ihr von Jesus erzählen, denn Jesus ist für ALLE gekommen. @alice.weidel (Dies ist keine Wahlwerbung).“

„Ketzer der Neuzeit“: Der Kooperationspartner

Quelle: YouTube Liebe zur Bibel
Quelle: YouTube Liebe zur Bibel

Das Interview mit Weidel führte ein extrem rechter Influencer, es ging hier um Weidels Religiosität. Der junge Mann heißt Leonard Jäger und ist unter dem Namen „Ketzer der Neuzeit“ aktiv und offenbar sehr gut vernetzt in rechtsextreme Kreise. Er ist kein Unbekannter für Neubauer. Sie drehten bereits mehrfach miteinander, besuchen offenbar gemeinsam demokratische Veranstaltungen, um sich später in Videos über die Menschen dort lustig zu machen und haben mittlerweile sogar eine gemeinsame Klamotten-Kooperation.

Quelle: Instagram Liebe zur Bibel
Quelle: Instagram Liebe zur Bibel

In einem Video erklärt Jäger, dass er zwar nie atheistisch gewesen sei, aber noch nie so christlich wie jetzt. Im April 2024 beging Jäger an einem sonnigen Strand seine Wassertaufe – mit dabei war Jasmin Neubauer. 

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