
Trump und seine MAGA-Koalition sind im Siegesrausch. Vieles ist anders als zu Beginn seiner ersten Amtszeit – das Vorgehen des Weißen Hauses wirkt systematischer, radikaler als noch vor acht Jahren. Aber das ist nicht das Einzige, was sich verändert hat. Auch zahlreiche Größen der Popkultur, von Mode bis Musik, die während seiner ersten Amtszeit noch Distanz zu ihm hielten, scheinen sich jetzt frei zu fühlen, ihre politische Nähe zu Trump oder ihre Unterstützung für die amerikanische Rechte offen zu kommunizieren.
Die Kardashians: Ästhetik des Techno-Faschismus
Zum einen sind da Stars, die ihr Fähnchen nach dem Wind hängen, sei es aus Profitgier oder weil sie schon immer reaktionäre Tendenzen in sich getragen haben – oder beides.
Die Kardashian-Jenners, wie auch immer man zu ihnen steht, waren in den letzten Jahren ein recht verlässlicher Gradmesser für den popkulturellen Mainstream. Die Reality-TV-Familie vereinnahmt Trends von Ästhetik bis zu Politik und schlägt daraus Kapital. Das reichte von Kourtney Kardashians frühem Crunchy-Wellness-Mom-Image über chirurgische Eingriffe, mit denen einige Kardashian-Jenner-Schwestern ihre körperlichen Silhouetten denen Schwarzer Frauen anglichen – solange zumindest nominell gesellschaftlich Diversität angesagt war. Robin M. Boylorn, Associate Professor an der University of Alabama und selbst eine Schwarze Frau, schrieb 2020 über die Kardashians, sie hätten durch „Blackfishing“ ihr Profil als Influencerinnen geschärft, zum Nachteil tatsächlicher Schwarzer Frauen. Der Ruhm der Kardashians beruht zu einem Großteil auf ihrer jahrelangen kulturellen Aneignung.
Ein solches Image ist jedoch in der neuen Trump-Ära nicht mehr angesagt, und so veränderten sich auch die Frauen des Kardashian-Jenner-Clans. Der Podcaster und politische Kommentator Matt Bernstein etwa wies auf die extreme ästhetische Veränderung und das geänderte persönliche Branding von Kylie Jenner hin: Von einer „Black culture vulture“ sei sie zur Weißen „Pilates Princess“ geworden. Nicht nur Kylie, sondern auch ihre Schwestern haben mithilfe plastischer Eingriffe drastische Veränderungen ihrer Körperformen vorgenommen.
Für die Kardashians ist ihr Aussehen Hauptbestandteil ihrer Marke – dieser Wandel ist aber vor allem ein Indiz für aktuelle kulturelle Entwicklungen und somit über die Familie selbst hinaus bemerkenswert: Während auf den Laufstegen dieser Welt die Rückkehr des „Heroin Chic“ gefeiert wird, während TikTok-„Ästhetiken“ wie „Clean Girl“, „Quiet Luxury“ und „Vanilla Girl“ auf dem Vormarsch sind, haben auch die Kardashians bemerkt: Das kulturelle Pendel schwingt zurück zum Ideal dünner, weißer, reicher Frauen – falls deren Dominanz überhaupt je wirklich verschwunden war.
Für die Kardashians sind Körperformen Kostüme. Ihr Abstreifen der Kurven, die sie berühmt gemacht haben, zeigt auch, dass die Verteidigung einer solchen Aneignung der Körperformen Schwarzer Frauen und Kultur durch die Kardashians kein Zeichen für zunehmende Inklusion – sondern schon immer ausbeuterisch war. Und während die Teilhabe an einem reaktionären ästhetischen Trend nicht unbedingt eine Zuordnung zur MAGA-Bewegung bedeuten muss, signalisiert Kim Kardashian heute sehr deutlich, mit welchen politischen Ideen sie sympathisiert.
Dass sie auch früher nicht progressiv war, verdeutlichte bereits ihre Unterstützung 2022 für den konservativen Demokraten Rick Caruso. Ihre Ehe mit Kanye West, der 2022 mit Trump und dem Holocaust-Leugner und Neonazi Nick Fuentes dinierte, sich mittlerweile als Hitler-Fan bezeichnet und Hakenkreuz-T-Shirts verkauft, wurde zwar vor einigen Jahren geschieden, aber auch Kardashian hat sich Trumps MAGA-Bewegung angenähert – wenn auch subtiler als ihr Ex-Mann.
Während Trumps erster Amtszeit bewegte sich Kim Kardashian noch im Bereich der „plausible deniability“ (einer „glaubhaften Abstreitbarkeit“): Sie besuchte zwar Trump 2020 im Weißen Haus, doch Fans verwiesen darauf, dass Kardashian sich für eine Gefängnisreform einsetzte und versuchte, zu Unrecht inhaftierte Menschen zu befreien – und deshalb mit Trump zusammenarbeiten müsse. Ihre Freundschaft mit Jared Kushner und Ivanka Trump seien Mittel zum Zweck für die gute Sache. Während Kim Kardashian 2016 noch Hillary Clinton unterstützte, sprach sie 2024 keine Wahlempfehlung aus. Am Tag der Inauguration postete sie ein Foto von Melania Trump, kurz davor ein Foto mit Ivanka Trump.
Damit nicht genug: Kardashian fällt seit Monaten mit aggressiver Werbung für Tesla auf – auch Musks doppelter Hitlergruß hat daran nichts geändert. Jüngst posierte sie vor der Kamera von Steven Klein für das „Perfect”-Magazin in einem futuristischen Covershoot, der sie auf einem Tesla-Cybertruck liegend und mit einem Tesla-Roboter zeigt. Das Fotoshooting ist neben Tesla-Instagram Posts das deutlichste Zeichen dafür, dass sie auf Trump setzt, der Elon Musk ohne jegliche gesetzliche Grundlage unabhängige Bundesbehörden zerstören lässt.
Techno-Faschismus könne sexy sein – das scheine die Botschaft der Fotostrecke zu sein, so die Journalistin Danielle Moodie zu Kardashians Bildern. Sie merkt an, dass Kim Kardashians Entscheidung, ausgerechnet jetzt für eine kostenfreie Tesla-Werbestrecke zu posieren, keineswegs „out of touch“ sei, wie viele Kritiker*innen anmerkten. Stattdessen muss Kardashians pro-faschistischer Launch als das gesehen werden, was er ist: die Positionierung einer Frau, die sich schon immer an kulturellen und politischen Trends ausgerichtet hat, um davon zu profitieren, auch, wenn es um Faschismus geht.
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Die Ästhetik des Shootings ist bewusst futuristisch: Die Nähe der Futurismus-Bewegung, Teil der Avantgarde im Italien der 1920er und 30er Jahre, zum Faschismus und Mussolini, ist wohlbekannt. In Italien verherrlicht unterdessen seit Dezember 2024 eine Ausstellung genau diesen historischen Futurismus, der Italien „vom Krebsgeschwür der Professoren, Archäologen, Fremdenführer und Antiquare“ durch Technik, Nationalismus, Gewalt und Krieg „befreien“ wollte. Giorgia Meloni und ihre post-faschistischen Fratelli d’Italia wollen diesen Futurismus jetzt zu ihrem „kulturellen Aushängeschild“ machen. Der Politikwissenschaftler Arturo Varvelli bezeichnet die Allianz von Meloni und Musk als „neuen Futurismus“, wobei Musks hypertechnologische Vision Meloni und ihren Verbündeten eine Blaupause für ihre eigenen Bestrebungen biete.
Gwen Stefani: Endlich konservativ
Dass Kim Kardashian, eine Milliardärin, sich auf Musks Seite schlägt, mag nicht überraschen. Doch die Nachricht, dass auch Gwen Stefani, Punk-Rock-Diva der 90er und 2000er Jahre, anscheinend der amerikanischen Rechten zugerechnet werden muss, hat viele ihrer früheren Fans in den letzten Wochen schockiert. Zunächst war da Stefanis Werbung für „Hallow“, eine Gebets-App, deren Co-Gründer der konservative Schauspieler Mark Wahlberg ist. Mit-Investoren sind Vizepräsident J.D. Vance und der rechte Milliardär Peter Thiel. In der App beten rechte Enthaltsamkeits-Influencerinnen und Abtreibungsgegnerinnen vor. Es ist nicht das erste Mal, dass Stefani Werbung für die ultrakonservative App gemacht hat.
Dann ist da noch Stefanis scheinbare Neu-Ausrichtung auf eine an Trad Wives erinnernde Country-Ästhetik, die Lichtjahre von ihrem früheren Image als punkige Diva entfernt scheint. Und schließlich ihr Post auf „X“, in dem sie Anfang März ihren irritierten Fans ein Segment aus Tucker Carlsons Show empfahl.
Doch auch im Fall Stefani gilt: Ihr Erfolg und ihre Karriere bauen weitestgehend auf der Aneignung anderer Kulturen auf. Stefanis kulturelle Aneignung und finanzielle Ausschlachtung der japanischen Harajuku-Subkultur und anderer Kulturen – darunter auch ihr Tragen von Henna, Bindis und Saris – waren in den letzten 20 Jahren immer wieder Thema. Margaret Cho verglich Stefanis „Harajuku Girls“ schon 2005 mit historischen Minstrel Shows, das „Time Magazine“ sprach 2014 von einer rassifizierten Instrumentalisierung dieser japanischstämmigen Backgroundtänzerinnen durch Stefani.
Wie die Kardashian-Jenners hat Stefani mit der Aneignung der Kulturen marginalisierter Menschen Profit gemacht: darunter mit einer „Harajuku“-Parfum-Linie und einer „Harajuku Mini“-Kleidungskollektion. Stefani bedauert ihre lange Liste kultureller Aneignung auch rückblickend nicht, im Gegenteil. In einem Interview mit „Allure“ im Januar 2023 behauptete sie sogar fälschlicherweise selbst „japanisch“ zu sein.
Und auch wenn Stefanis Songs wie „Just a Girl“ sie zur feministischen Musik-Ikone machten, sah sie sich selbst nie als Feministin. 1995 sagte sie Billboard, sie sei keine Feministin, sondern „ein altmodisches Mädchen, ein echtes girly Girl.“ Stefani war knallroter Lippenstift und Tomboyhaftigkeit zugleich – und kommunizierte in Interviews trotzdem konsistent konservative Vorstellungen von Sexualität und Keuschheit.
Kurz gesagt: Es scheint, als hätte die Gesellschaft Stefani als subversiv, als feministisch wahrgenommen – ohne, dass sie sich selbst je so gesehen hätte. Sicher, Stefani unterstützte zeitweise Barack Obama – als das dem gesellschaftlichen Mainstream entsprach. Ihre Ehe mit dem konservativen Country-Sänger Blake Shelton, ihre Kindheit im konservativen Orange County, ihr konservativer Katholizismus und ihre Weigerung, sich für die rassistische Ausbeutung anderer Kulturen zu entschuldigen, zeichnen ein Bild, das keinen plötzlichen politischen Wandel vermuten lässt. Sondern eher, dass Gwen Stefani ihren entsetzten Fans jetzt endlich die echte Gwen Stefani zeigt, vielleicht, weil auch sie ahnt, dass die kulturelle faschistische Wende bereits in vollem Gange ist.
Hannah Neeleman: Milchmagd-Inszenierung
Außer globalen Superstars wie Kardashian und Stefani bekennen sich auch viele Influencerinnen – von der mormonischen Trad Wife-Influencerin Hannah Neeleman aka @ballerinafarm bis hin zu Wellness-Influencerinnen wie Esha Javed zu Trump. Neeleman machte ihre politische Ausrichtung klar, als sie jüngst als Covergirl des „Evie Magazine“ einer Art rechtsextremer Cosmopolitan für Gen Z Frauen, posierte (ebenfalls namentlich auf dem Cover: Eva Vlaardingerbroek, vorgestellt als „Europa’s Schildmaid“, jene rechtsextreme Influencerin, die Musk 2023 zu Mathias Döpfners Geburtstagsparty begleitete).
Anders als Kardashians futuristischer Techno-Faschismus liefert Neeleman eine andere rechtsextreme Ästhetik: Milchmagd an der amerikanischen Frontier, eine Frau und ihre Scholle – Blut und Boden, das Ganze in Prärie-Kleidern und mit selbst gemolkener roher Milch.
Esha Javed: Endlich als Trump-Fan geoutet
Esha Javeds Enthüllung, dass sie Trump gewählt habe, war weniger subtil als Neelemans Posen als rechtes Covergirl. In ihrem TikTok Video nach Trumps Wahlsieg verkündete sie: „Ich habe meine alte Fangemeinde so satt. Ich gebe einen Scheiß auf eure Identitätspolitik. Ich habe für Trump gestimmt. Und ich hasse fette Menschen!“ Javed ist eine von zahlreichen Influencerinnen, die sich nach Trumps Sieg als Teil der MAGA-Koalition zu erkennen gaben.
Sie und andere rechte Influencerinnen sind Teil einer größeren „MAHA“-Bewegung innerhalb der Trump Koalition – „Make America Healthy Again“, die Verschwörungserzählungen über Impfungen, den Hyper-Individualismus der Wellness-Industrie, legitime Sorgen bezüglich der Pharmaindustrie und faschistische Erzählungen von stählernen, gesunden, lebenswerten Körpern miteinander verbindet. Waren viele Lifestyle-Influencerinnen vor ein paar Jahren noch dezidiert unpolitisch, trauen sich immer mehr von ihnen, offen als rechts oder rechtsextrem erkennen zu geben und daraus Profit zu schlagen. Denn in der Aufmerksamkeitsökonomie von Social Media generieren rechtsextreme Inhalte mehr Aufmerksamkeit, mehr engagement und das bringt mehr Geld.
Der Backlash gegenüber Stefani und Kardashian lässt darauf hoffen, dass einige ihrer früheren Fans sich ihrer faschistoiden Kehrtwende entgegenstellen und das auch finanzielle Konsequenzen haben könnte. Leider dürfte den beiden das angesichts ihres Reichtums – wie auch Elon Musk, dessen Tesla-Aktie sich seit Wochen im freien Fall befindet, ziemlich egal sein.