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Rechtsextreme Demo 100 Meter Revisionismus in Berlin

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(Quelle: RechercheNetzwerk.Berlin)

Bereits zum dritten Mal binnen weniger Monate hat der ehemalige Vorstand des AfD-Stadtverbandes Aachen, Ferhat Sentürk, zu einer Demo nach Berlin mobilisiert. Schon im Dezember und im Februar gab sich Sentürk als Sprachrohr zweier Proteste, auf denen überwiegend junge Rechtsextreme vertreten waren. Auch am vergangenen Samstag wandelte sich dieses Bild kaum – und trotzdem sollte einiges anders kommen.

Skurrile Selbstdarstellung

„Ferhat Sentürk ist eine eher skurrile Persönlichkeit und kein rechtsextremer Aktivist im klassischen Sinne. Er hat keine Anbindung an etablierte rechtsextreme Parteien, wie zum Beispiel den Dritten Weg oder die Heimat. Bei ihm geht es einfach viel um Selbstinszenierung der eigenen Person“, erklärt die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) gegenüber Belltower.News.

Rechts: Ferhard Sentürk (Quelle: RechercheNetzwerk.Berlin)
Rechts: Ferhat Sentürk (Quelle: RechercheNetzwerk.Berlin)

Sentürk selbst war kurze Zeit innerhalb der Aachener AfD aktiv, trat im Dezember nach monatelangen Konflikten mit dem lokalen Kreisverband aus der Partei aus. Im Dezember 2024 kam es im Zuge einer Sitzung, zu der er nur noch als Gast geladen war, sogar zu Rangeleien mit Security Mitarbeiter*innen. Seitdem versucht der gebürtige Aachener vor allem durch die Organisation von rechtsextremen Demonstrationen auf sich aufmerksam zu machen. So auch im Vorfeld der Aktionen am vergangenen Samstag.

Die Motivation hinter den Protesten ist eindeutig. Wie schon im Dezember versuchte Sentürk durch das links-alternativ geprägte Friedrichshain zu ziehen. „Es ist einer der linksten Kieze Berlins. In den 90er-Jahren haben Leute hier wirklich sehr viel harte Arbeit geleistet, um diese Gegend nazifrei zu bekommen. Aus rechtspopulistischer Perspektive ist es daher besonders geil, sich da zu präsentieren, wo man am meisten unerwünscht ist“, so die Gruppierung „Ostkreuz bleibt bunt“.

Junges Publikum auf der Neonazi-Demo (Quelle: RechercheNetzwerk.Berlin)

Währenddessen strömen immer mehr, überwiegend junge Rechte zu Sentürks Demonstration. Durch massive Gegenproteste von tausenden Antifaschist*innen verzögert sich der Demonstrationsauftakt jedoch extrem. Die Stimmung ist zunehmend gereizt. Es vergehen mehrere Stunden, in denen die Rechten in der Nähe einer Unterführung verweilen müssen.

Der nationalistische Nachwuchs

Ein Großteil der, laut Polizei, etwa 860 Teilnehmenden ist extrem jung – nicht wenige mutmaßlich sogar minderjährig. „In der Schule, im Sportverein oder auf Social Media als zentrale Plattform für junge Menschen ist die Selbstverständlichkeit rechtsextremen Gedankenguts in dem Ausmaß eine beunruhigende Entwicklung. Hinzu kommt die omnipräsente Gewaltbereitschaft dieser jungen Rechtsextremen“, so die MBR. Diese Tendenzen würden extrem rechten Akteur*innen einen enormen Rekrutierungspool bieten, so die Beratungsstelle weiter.

Neonazis am berliner Ostkreuz (Quelle: RechercheNetzwerk.Berlin)

Tatsächlich bildeten auch am Samstag überwiegend junge Menschen den gewaltbereitesten Kern der Demonstration. Nicht wenige der 41 Festnahmen auf rechtsextremer Seite sind auf junge Neonazis zurückzuführen, bei der Abreise bedrohten einige von ihnen Medienschaffende im Bahnhof Ostkreuz.

Unter ihnen waren zahlreiche Strukturen vertreten, die schon in der Vergangenheit in Berlin und darüber hinaus für Aufsehen sorgten. Darunter auch die rechtsextreme Gruppe „Deutsche Jugend Voran“, die im Oktober 2024 versuchte, eine feministische Demonstration im Berliner Stadtteil Marzahn zu bedrohen.

Hannes Ostendorf (Quelle: RechercheNetzwerk.Berlin)

Neben zahlreichen jungen Rechten hielten sich auch vereinzelt ältere Akteure der rechtsextremen Szene am Ostkreuz auf. Einer der bekanntesten von ihnen: Hannes Ostendorf, Sänger der Rechtsrockband „Kategorie C“. „Schon bei den letzten Aufmärschen dieses Umfelds wurden Songs von Kategorie C gegrölt. Der Name dürfte also zur Mobilisierung beigetragen haben. Heute hat Ostendorf zwar nur zwei Lieder gespielt und von einem Rechtsrockkonzert konnte nicht die Rede sein. Aber Anziehungskraft hat allein die Ankündigung offenbar durchaus“, erklärt die MBR.

Hannes Ostendorf (Quelle: RechercheNetzwerk.Berlin)

Zahlreiche Gegenproteste

Nach über drei Stunden darf der Neonazi-Mob nun doch noch loslaufen, jedoch nur für etwa 100 Meter. Mehrere Gegenproteste versperren ihnen den Weg. Über den gesamten Markgrafendamm entlang habe sich über 2.000 Antifaschist*innen versammelt. Eine der Gegenkundgebungen wurde von der noch jungen Gruppe Ostkreuz bleibt bunt angemeldet.

„Ich finde es einfach extrem wichtig, gerade aktuell mit den Entwicklungen, solche Aufmärsche nicht einfach geschehen zu lassen“, erklärt eine Person der Gruppe. „Wir wollen außerdem ein Signal senden an andere Orte in diesem Land und auf der ganzen Welt. Natürlich sind wir ein bisschen in der privilegierten Situation, uns in Berlin-Friedrichshain zu befinden, aber ich hoffe halt irgendwie auch, dass das alles, was wir so tun, empowernd ist für Leute, die halt wirklich in der Situation sind, täglich der Nazi-Gefahr ausgesetzt zu sein“, führt die Person weiter aus.

Gegenprotest verhinderte, dass die Nazis am Samstag durch Berlin laufen konnten (Quelle: Lars Freudenberger)

Nachdem auch bis zum späten Nachmittag der Gegenprotest ein Weiterkommen der Demonstration um Sentürk unmöglich macht, löst die Polizei die rechtsextreme Demonstration gegen 17 Uhr auf. Anschließend geht es für alle Beteiligten zurück in den S-Bahnhof Ostkreuz. Dort kommt es kurzweilig zu tumultartigen Szenen als Polizeibeamt*innen versuchen, Antifaschist*innen zurückzudrängen. Sentürk selbst kündigte kurz darauf an, schon im April nach Berlin wiederkommen zu wollen.

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